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Geh aus mein Herz…

Dieses Lied ist wohl eins der bekanntesten Glaubenslieder aller Zeiten. Was kann es uns heute, 350 Jahre nach dem Tod seines Erschaffers, noch sagen?

Im Gottesdienst haben wir dieses Lied gesungen und dazu diese Predigt von unserer Pastorin Irene Kraft gehört. 

Singen Sie doch mit: Hier finden Sie eine Singversion mit Melodie und allen Strophen:
Mitsingversion Geh aus, mein Herz, und suche Freud

(Mitsingversion: Volker Oertel)

Predigt zum Lied von Paul Gerhardt

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“

Bethanienkirche, 26.7.2026

Am 6. Juni 2026 jährte sich der Todestag von Paul Gerhardt zum 350. Mal. Auch nach so langer Zeit singen wir seine Lieder immer noch gerne und gehen uns seine Texte zu Herzen. Deshalb möchte ich heute mit euch das wunderbare Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ be­trachten.

  1. Der Blick in die Natur (Strophen 1 – 8)

Geh aus, mein Herz, und suche Freud!: Mit dieser Selbstermunterung beginnt das Lied, ähnlich wie Psalm 103: “Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, sei­nen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!” Hier werden wir aber nicht zu einer Reise nach innen aufgefordert oder in un­sere Vergangenheit, um dort den Wohltaten Gottes nachzugehen und ihm dafür zu dan­ken. Die Reise soll nach draußen gehen, in die Schöpfung Gottes, deren Wunder in der sommerlichen Natur so wun­derschön anzuschauen sind.

Und doch: Um in den Wundern der Natur den Schöpfer zu erkennen, müssen sich nicht nur die Füße auf den Weg machen, sondern auch das Herz: Geh aus, mein Herz! Manche Leute kommen von einer Weltreise zurück, haben alles Mög­liche gesehen, aber nichts von der Güte und Größe Gottes erkannt. Wenn wir dagegen offene Augen und ein offenes Herz haben, genügt es schon, dass wir einfach nach draußen gehen. Gerade im Sommer können wir dann staunen und uns freuen an der Schönheit von Gottes Schöpfung. Und selbst wenn wir mit unseren Füssen vielleicht gar nicht mehr unterwegs sein können, können wir doch in Gedanken und mit unserem Herzen das Schöne und Gute um uns herum sehen, wenn wir es nur sehen wollen.

Hinausgehen in Gottes Natur soll vor allem, wer gerade nach Freude sucht, sagt Paul Gerhardt. Wenn du betrübt oder traurig bist und in deinem Leben gerade nichts Schönes entdecken kannst, dann geh hin­aus und lass dir die Augen öffnen für die Schönheit der Natur! Und wenn du meinst, Gott kümmert sich gerade nicht um dich, dann geh hinaus und nimm wahr, dass diese Schönheit ein Geschenk Got­tes auch für dich ist; „Gottes Gaben“, wie Paul Gerhardt sagt.

Nach dieser Aufforderung betrachtet Paul Gerhardt mit uns dankbar und staunend das Bilderbuch der Natur:

Der Blick wandert in Strophe 1 zunächst in die Gärten, in denen sich jedes Frühjahr neu das Wunder wiederholt, das aus toten Zweigen und nacktem Erdreich grüne Blätter und bunte Blüten sprießen.

In der 2. Strophe klingen Worte von Jesus aus der Berg­predigt an, die wir in der Lesung gehört haben (Matthäus. 6, 28-30):Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewe­sen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet… sollte er das nicht viel mehr für euch tun..?

Nicht nur die Blumen, sondern auch die Vögel hat Jesus im gleichen Zusammen­hang als Beispiele für die Güte und Fürsorge Gottes ge­nannt (Matth. 6,25-27): Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Le­ben, … Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmli­scher Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? So geht auch in unserem Lied in der 3. Strophe der Blick von den Blumen zu den Vögeln.

In den folgenden Strophen wird weiter ge­blättert im Bilderbuch der Natur:

Strophe 4 erzählt von der Glucke mit ihren Küken, von Storch und Schwalbe, Hirsch und Reh. 

Strophe 5 malt uns einen plätschernden Bach mit schattigem Ufer und fröhlichen Hirten mit ihren Schafen vor Augen.

Strophe 6 beschreibt fleißige Bienen und fruchtbare Weinstöcke.

In Strophe 7 wächst der Weizen mit Gewalt – die Menschen bestel­len die Felder und bringen die Saat aus. Aber dass aus den Körnern neue Ähren wachsen und die Menschen wieder Nahrung haben, das ist Gottes Werk und Gottes Gabe.

Es ist eine wunderschöne, heile Welt, die Paul Gerhardt und hier vor Augen malt. Dass die Welt auch ein ganz anderes Gesicht hat, wissen und erfahren wir täglich. Und das wusste und erlebte auch Paul Ger­hardt. Er hat die meiste Zeit seines Lebens während des 30-jährigen Krieges verbracht und sehr viel persönliches Leid erlebt. Und trotz allem: Fällt sein Blick auf die Natur, die ungeachtet der menschlichen Kämpfe und Zerstörung ihre Schönheit entfaltet, dann erfüllt das sein Herz mit Freude und Zuversicht – und vor allem mit Vertrauen auf den großen Gott und sein großes Tun. Dies kommt in der 8. Strophe zum Ausdruck.

  1. Der Blick in die andere Welt (Strophe 9 – 11)

In den Strophen 9-11 geht das Herz nicht nur hinaus in die Natur, sondern geht aus sich heraus, wird im Loben Gottes weit und leben­dig – und kommt immer tiefer ins Nachdenken.

Ach, denk ich … Ein Seufzer mischt sich zu Beginn der 9. Strophe in das Lob: Ach, wie schön muss es einmal sein in Gottes ewiger Welt! Dort, wo es keinen Winter, keinen Tod, keinen Krieg, keine Zerstö­rung mehr geben wird. Wie in so vielen dieser alten Lieder ist der Blick in diese andere Welt immer ge­genwärtig. Der Tod erscheint nicht als schreckliches Ende, sondern als Beginn eines wunderbaren neuen Lebens, das herbei gesehnt wird.

Wenn Gott sich schon hier auf dieser armen Erde so gütig, so groß, so schön zeigt, wenn er es uns schon jetzt so lieblich gehen lässt – wie unvor­stellbar schön muss es dann einmal dort in Got­tes ewi­ger neuer Welt sein! Weil das so unvorstellbar ist, kann man davon nur in Bildern reden. Paul Gerhardt tut es in Worten seiner Zeit.

Er redet vom reichen Himmelszelt und vom güldnen Schloss. Er be­schreibt in Strophe 10 diese andere Welt als Christi Gar­ten. Der wird unendlich viel schöner sein wird als alle irdi­schen Gärten. Tausendfa­cher Lobpreis wird erklingen. Stro­phe 11 spricht davon, wie er jetzt schon in den himmlischen Lobge­sang einstimmen möchte.

Als Kind machten solche Beschreibungen den Himmel für mich nicht besonders attraktiv, sondern lie­ßen mich eher Langeweile befürchten. Heute versuche ich, mir nicht mehr so konkret vorzustellen, wie es im Himmel zugehen wird. Ich freue mich einfach auf eine Zeit und einen Ort, wo es keinen Hass, keine Ungerechtigkeit, keinen Streit, keine Tränen, kein Leid und keinen Schmerz mehr geben wird. – Die Sehnsucht nach dieser Welt, die teile ich – manchmal mehr, manch­mal weniger – durchaus mit Paul Gerhardt.

  1. Impulse für das Leben jetzt (Strophen 12-15)

Aber der Glaube bleibt nicht beim sehnsüchtigen Träumen stehen. Wir sind ja noch nicht dort, son­dern hier in dieser Welt. Die Strophen 12 bis 15 geben Impulse für das Leben jetzt. Denn Gott ist nicht nur im Himmel, sondern auch hier bei uns, mitten in der schönen und gleichzeitig noch unheilen Welt.

In allem will Paul Gerhardt Gottes Gegenwart erkennen und ihn dafür loben, sagt Strophe 12. Und mit seinem eigenen Leben möchte er et­was dazu beitragen, dass Gottes Gegenwart spürbar und sichtbar wird, heißt es in Strophe 13.

Das gilt auch für uns: Schon in dieser Welt kann mein Leben ein gu­tes Stück Land werden, ein kleiner Garten Gottes, in dem nicht mehr Kraut und Unkraut wild durcheinander wächst, sondern das, was Gott gefällt. Von dieser Vorstellung sind die letzten Strophen geprägt. Ei­nen schönen Gottesgarten kann ich nicht selber aus mei­nem Lebens­acker machen, dazu brauche ich die Hilfe und den Segen Gottes.

Dar­um heißt es in den Strophen 13 und 14 immer wieder: Hilf mir, gib doch, mach doch, verleih mir, segne!

Strophe 14 vergleicht das Leben mit dem Wachsen eines Baumes:  Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum! Ein Mensch, der fest im Wurzelgrund des Glaubens verankert ist je­mand, von dem es im Epheserbrief (3,17) heißt: “Dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe ge­wurzelt und gegründet seid”. So mit Christus verbunden und in der Liebe Gottes verwurzelt sein, das gibt mir nicht nur Kraft und Halt für dieses Leben. Darauf gründet sich meine Hoffnung, dass ich ein­mal in Gottes ewiger Welt zu seiner Ehre blühen darf wie eine schöne Blume: Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben!

Über meinen Lebensgarten hier wird noch einmal der letzte große Frost kommen, der Tod, dem scheinbar alles zum Opfer fallen wird. Aber der Glaube weiß: Auf diesen letzten Frost, den Tod, folgt nicht ein ewiger Winter. Eine letzte Reise wird es sein, ein Verpflanztwer­den in den ewigen Garten Gottes. Oder wie Paulus es im Kolosser­brief geschrieben hat (1,13): das endgültige “Versetztwerden in das Reich seines lieben Sohnes.”

In diesen Wochen ist es wunderschön zu sehen, wie die Natur überall grünt und blüht. Trotz aller Pro­bleme auf dieser Welt, trotz des Kli­mawandels und trotz persönlicher Sorgen und Nöte kann uns das im­mer wieder ein Zeichen für Gottes Nähe, Güte und Zuwendung sein. Öffnen wir nicht nur unsere Au­gen, sondern auch unser Herz für die Schönheit des Sommers! Und dann dürfen wir Gott auch darum bit­ten, unser Leben zum Blühen zu bringen und in unserem Lebensgar­ten gute Früchte reifen zu las­sen. Wenn wir unser Leben seinem Wir­ken, seiner Kraft, seinem Segen anvertrauen, dürfen wir ge­spannt und dankbar sein, was er daraus macht.

Amen.

Pastorin Irene Kraft
(basierend auf einer älteren Predigt, die ihrerseits inspiriert wurde durch eine Predigt von Josua Buchmüller von 2003)

 

Pastorin Irene Kraft