„Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib.“ (Hebräerbrief 13,3)
So lange das Leid anderer weit weg ist, kann man es relativ gut auf Distanz halten. Ich kann allgemein über die Geflüchteten, die Opfer von Gewalt, die Obdachlosen etc. reden. Aber wenn ich Menschen persönlich kennen lerne und ihre konkreten Geschichten höre, verändert das meistens die eigene Haltung und ich frage mich: Was kann ich tun? Wie kann ich helfen?
Der Monatsspruch fordert uns dazu auf, uns das Leid anderer nicht vom Leib zu halten, sondern uns in ihre Situation hineinzuversetzen und mit ihnen solidarisch zu sein. Die Gefangenen und Misshandelten sind im ursprünglichen Kontext wahrscheinlich Glaubensgeschwister, die wegen ihres Glaubens verfolgt wurden. „Weil auch ihr noch im Leib lebt“ erinnert daran: Es ist nicht unser Verdienst, sondern ein Geschenk, wenn wir in Frieden und Freiheit leben können. Niemand steht über dem Leid. Jeden und jede kann es betreffen. Solange wir Menschen sind, bleiben wir verletzlich. Wir sind aufeinander angewiesen. Deshalb ist Barmherzigkeit und nicht Abgrenzung die Haltung, die zu uns als Christen und Christinnen passt. Diese gilt in der Nachfolge Christi allen Menschen, nicht nur den Glaubensgeschwistern.
Oft ist es nicht leicht, anderen konkret zu helfen und wir können ihnen ihr Leid nicht einfach abnehmen. Aber allein, dass jemand zuhört, die Not sieht und sagt „ich bete für dich“, verbindet und stärkt. Möge Gott uns die Kraft und die Offenheit geben, das Leid anderer mitzutragen und die Welt so ein wenig menschlicher zu machen.
Pastorin Irene Kraft


